Die 5 größten Irrtümer bei der Privatinsolvenz

//Die 5 größten Irrtümer bei der Privatinsolvenz

Die 5 größten Irrtümer bei der Privatinsolvenz

1. Irrtum: Das Gesetz ist klar und unumstritten

Mit dem Jahr 1999 hat der Gesetzgeber das Konkursverfahren durch die Insolvenz abgelöst. Das Insolvenzrecht enthielt nun auch ein besonderes Entschuldungsverfahren für private Personen. Das Verbraucherinsolvenzverfahren, oft auch Privatinsolvenz oder nur kurz Insolvenz genannt, veränderte die Situation von Schuldnern entscheidend. Seit Einführung des Gesetzes gab es mehrere große Veränderungen (etwa 2001 und 2014) und unzählige kleine Korrekturen.

Gesetze werden üblicherweise regelmäßig angewendet, es wird also Recht gesprochen. Im Zuge dieser Praxis und auch auf theoretischer Ebene werden Gesetze laufend in einschlägigen Fachzeitschriften und in der entsprechenden Fachliteratur kommentiert. Das Verbraucherinsolvenzfahren kann keinesfalls als unumstritten bezeichnet werden und die Vielzahl an Kommentaren belegt die Unvollkommenheit in der Praxis.

Selbst auf den zuständigen Amtsgerichten ist nicht pauschal damit zu rechnen, dass die damit beauftragten Mitarbeiter allwissend in dieser Gesetzeslage sind. Es muss hierbei allerdings auch beachtet werden, dass verschiedene Personengruppen mit sehr unterschiedlichem Interesse zusammenkommen.

Wenn Sie mit dem Verbraucherinsolvenzverfahren in Berührung kommen, sei es als Gläubiger, Schuldner oder Randbeteiligter, dann gehen Sie nicht davon aus, dass die Praxis der Rechtsprechung und des Verfahrens eindeutig ist. Wer sich angesichts drohenden Unheils im Bekanntenkreis oder im Internet erkundigt, erhält eine Vielzahl an Informationen, die sich oft deshalb widersprechen, weil ein Teil der Texte nicht mehr aktuell ist.
Schon aus diesem Grunde empfiehlt sich die Begleitung und Beratung durch entsprechendes Fachpersonal. Da wären beispielsweise die bundesweit tätigen Schuldnerberatungsstellen zu nennen.

2. Irrtum: Schuldnerberatungsstellen sind nutzlos

Erstaunlich viel Schuldner verzichten auf die Begleitung durch Schuldnerberatungsstellen oder andere Helfer, die sich professionell oder mit viel Engagement diesem Thema widmen. Empfundene Scham ist eine häufige Ursache. Fehlinformationen oder Einzelfälle negativer Erfahrungen werden ebenfalls als Gründe angeführt.

Dabei bietet die Schuldnerberatungsstelle einen praktisch kostenlosen Service von sehr hoher Qualität. Die Kosten für das Insolvenzverfahren sind keine Einnahmen der Beratungsstellen. Nicht immer günstig ist die Anfahrt zur nächsten Beratungsstelle, da vor allem in dünn besiedelten Gebieten die Versorgung weite Wege nicht vermeiden kann.

Geboten wird eine fachkundige Begleitung, die sich nicht nur auf das finanzielle Problem beschränkt, sondern auch umfassende sozialpädagogische Arbeit leistet. Für manche Schuldner ist daher auch verwunderlich, dass die Beratungsstellen in der Regel mit Sozialarbeitern/Sozialpädagogen besetzt sind. Da kann man von einer optimalen Besetzung sprechen, denn Sozialarbeiter sind es gewohnt, eng mit anderen Fachdisziplinen zusammenzuarbeiten.
Die Aufgaben der Schuldnerberatung sind wegweisend für das Verbraucherinsolvenzverfahren. Zunächst soll das finanzielle Problem ausführlich und umfassend aufgedeckt werden. Das mag Schuldnern Sorgen bereiten, doch hier liegt gerade die Stärke im Insolvenzverfahren: Die gesamte Finanzsituation wird angepackt.
Dann gilt es, die Existenz des Schuldners sicherzustellen. Hierbei unterscheidet sich oft die Situation von Schuldnern mit und ohne Begleitung. Gläubiger können sich nicht mit existenzbedrohenden Aspekten auseinandersetzen.

Die Befürchtung vieler Schuldner, dass sie durch die Schuldnerberatung starke finanzielle Einbuße erleiden müssen, ist in dem überwiegenden Teil der Fälle unbegründet. Allerdings wird im Zuge der Beratung meist ein Finanzplan und ein Haushaltsplan erstellt. Dies dient der Versachlichung des Problems. Häufig werden auch einige Sparmöglichkeiten, etwa doppelte Versicherungen, aufgedeckt.

Eine weitere Qualität der Schuldnerberatung zeigt sich meist erst im nächsten Schritt: Bei der Kontaktaufnahme mit den Gläubigern geht es um Fakten und einen möglichst für alle Beteiligten sinnvollen Schuldenschnitt. Schuldnerberater sind dabei in beide Richtungen bremsend und fordernd aktiv.
Geht es um das konkrete Verbraucherinsolvenzverfahren, so sind Schuldnerberatungsstellen in der Regel sehr gut informiert. Dies wird auch dadurch gewährleistet, dass die Stellen meist im regionalen Verbund arbeiten. Die denkbar möglichen Einzelsituationen sind viel zu umfangreich, als dass sich eine Person im gesamten Fachgebiet auskennen könnte.

3. Irrtum: Die Privatinsolvenz bevorzugt den Schuldner/den Gläubiger

Grundsätzlich liegt der Focus der Beratungsstelle auf der Schuldenregulierung.
Das bedeutet zum einen, dass im Rahmen des Insolvenzverfahrens geschaut wird, welche berechtigten Ansprüche die Gläubiger vorbringen können.
Zum anderen wird erhoben, welche Zahlungen der Schuldner leisten kann.

Die Neuerung des Insolvenzverfahrens besteht gerade darin, für die Schuldenregulierungsphase einen Endpunkt zu setzen. Anstatt, dass sich ein Schuldner mit nicht pfändbarem Einkommen Zeit seines Lebens den Aufforderungen und Mahnungen der Gläubiger erwehren muss, wird hier mit derzeit 6 Jahren (seit 2014 sind auch 3 Jahre möglich) eine maximale Verfahrensdauer festgelegt. Üblicherweise beginnt die Zeit mit dem Beginn des Verfahrens.

Während dieser Zeit soll der Schuldner so viel wie nur möglich von seinen Schulden abbezahlen. Allerdings bleiben ihm Freigrenzen, die ihm und seiner Familie (und anderen von ihm finanziell Abhängigen) die Existenz sichern. Die Erfahrung lehrte, dass eine anfänglich übertrieben hohe Abzahlungsrate in kürzester Zeit das finanzielle Chaos vergrößerte.

Ein Beispiel zeigt, wie hier die Versachlichung durch die Schuldnerberatungsstelle gefördert wird. Wenn sich Schuldner und Gläubiger öfter begegnen, etwa, weil man sich im Ort nicht aus dem Weg gehen kann, dann sind – ohne Schuldnerberatung – Stresssituationen vorprogrammiert.
Der Gläubiger will den Schuldner immer wieder an die Außenstände erinnern. Der Schuldner fühlt sich vielleicht bedrängt und traut sich etwa nicht, notwendige Anschaffungen zu tätigen, während der Gläubiger im selben Geschäft ist.

Gläubiger werden manchmal nicht verstehen können, warum der Schuldner nicht „alles verkaufen“ muss. Das Verbraucherinsolvenzverfahren schützt dabei indirekt auch die öffentlichen Kassen, denn ein vollständiger Ruin des Schuldners muss meist von Sozialämtern und Sozialverbänden aufgefangen werden.

Schuldner müssen sich im Verbraucherinsolvenzverfahren darauf einlassen, für einen festgelegten Zeitraum konzentriert am Abtrag der Schulden zu arbeiten. Ziel ist auch, dass sie – vor allem nach der Restschuldbefreiung – von Schulden befreit wieder finanziell Fuß fassen können.

Zur sozialarbeiterischen Pädagogik des Schuldnerberaters gehört daher auch, festzustellen, ob der Schuldner bereit bzw. fähig ist, ein schuldenfreies Leben zu führen.

4. Irrtum: Die Schulden werden nach einer Ablaufzeit (6 Jahre) gelöscht

Das Verbraucherinsolvenzverfahren strebt die Restschuldbefreiung nach 6 Jahren an. Bei einem Abtrag von 35 Prozent der Schulden kann die Befreiung schon nach 3 Jahren ausgesprochen werden.
Der Begriff ist aber irreführend. Die Schulden als solche bestehen weiter. So werden auch Schufa-Einträge in der Regel erst 3 Jahre später gelöscht. Der Schuldner kann die Schulden weiter abbezahlen, der Gläubiger kann sie nicht mehr einklagen oder anderweitig erzwingen.
In der Praxis bedeutet das beispielsweise, dass, wenn eine Abzahlungsrate über die ausgesprochene Restschuldbefreiung weitergezahlt wurde (etwa, weil der Schuldner vergessen hat, den entsprechenden Dauerauftrag zu kündigen), der Schuldner dieses Geld nicht vom Gläubiger zurückfordern kann.

5. Irrtum: Gläubiger, Gerichte und Schuldner verhalten sich korrekt

Im Sinne der Verbraucherinsolvenz muss leider festgestellt werden, dass es sich bei allen Beteiligten um Menschen handelt. Das bedeutet auch, dass Fehler gemacht werden, die meistens zu Lasten des Schwächeren gehen.
Aus der Firmeninsolvenz weiß man: Die Gerichte sind in vielerlei Hinsicht überfordert. Insolvenzverwalter arbeiten vor allem für eine hohe Provision. Schuldner können sich gegen Fehler seitens der Gerichte oder der Insolvenzverwalter kaum wehren, wenn sie sich nicht umfassend anwaltlich vertreten lassen können. Und im Vergleich Schuldner gegen Gläubiger ist ebenfalls häufiger der (finanziell) Stärkere im Vorteil.

Das Verbraucherinsolvenzverfahren war und ist ein großer Schritt in die richtige Richtung und hat vor allem für Schuldner Entlastung gebracht. Eine weitere Entwicklung ist unabdingbar.

By |2016-12-04T16:05:46+00:00Dezember 5th, 2014|Privatinsolvenz|0 Comments

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